Dermographismus: Ursachen, Symptome & Behandlung

Der Begriff „Dermographismus“ ist den meisten von uns unbekannt. Doch rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung leiden darunter, wobei mehr Frauen als Männer betroffen sind.

Dermographismus: Unbekannte Krankheit ohne Behandlungsmöglichkeit

Die „gemachte Nesselsucht“, die auch als Dermographismus bzw. als Urtikaria factitia bezeichnet wird, entsteht durch zu enge Kleidung und die Hautreize, die damit einhergehen. Was einem gesunden Menschen nichts ausmacht, führt bei den Betroffenen zu Quaddeln und Juckreiz. Betroffen sind vor allem Frauen, insgesamt sind es rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, die unter dieser recht seltenen Krankheit leiden.

Die meisten der Betroffenen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie bekommen Hautprobleme, wenn sie sich kratzen oder wenn der Arzt mit einem Holzspatel über die Haut fährt. Die Quaddeln, die sich hier zeigen und mit einem enormen Juckreiz einhergehen, kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern werden durch mechanische Reize ausgelöst. Teilweise steht Stress im Verdacht, die Symptome zu verstärken bzw. überhaupt erst einmal dazu beizutragen, dass sie entstehen.

Andere Bezeichnungen des Dermographismus sind:

  • Symptomatischer Dermographismus
  • Urtikarieller Dermographismus
  • Schreibhaut-Nesselsucht
  • Hautschrift-Nesselsucht
  • Dermographische Urticaria

Der Name der häufigsten Dermographismusvariante geht auf „facere“ zurück, den lateinischen Begriff für „machen“. Dieser verdeutlicht recht klar die bereits vorliegende Erkenntnis, dass diese Nesselsucht nur durch Zutun von außen entstehen kann.

Bis heute wissen die Dermatologen nicht genau, wo die Auslöser für einen Dermographismus liegen.

Bis heute wissen die Dermatologen nicht genau, wo die Auslöser für einen Dermographismus liegen. (#01)

Drei Formen des Dermographismus

In der Dermatologie wird nicht nur vom einfachen Dermographismus gesprochen, sondern es gibt drei bzw. teilweise sogar vier Formen dieser Krankheit:

  1. Dermographismus ruber:
    Die „rote Dermographismus-Erkrankung“ zeigt sich in Form eines roten Strichs auf der Haut, wenn diese mechanisch gereizt wird. Nerven und Gefäßsystem agieren miteinander: Die Nerven nehmen den Reiz, der durch das Kratzen auf die Haut einwirkt, auf und leiten ihn weiter. In der Folge erweitern sich die Blutgefäße. Diese Variante tritt bei jedem Menschen auf und gilt nicht als Krankheit. Die Rötung der Haut verschwindet nach einiger Zeit wieder, ohne dass Folgen oder ein erneuter Juckreiz zurückbleiben.
  2. Dermographismus albus:
    Die „weiße Dermographismus-Erkrankung“ liegt vor, wenn eine mechanische Reizung der Haut vorgenommen wird, worauf diese mit der Bildung eines roten Strichs reagiert. Zuerst zeigt sich der rote Strich, danach wird dieser weiß. Hierbei liegt keine Erweiterung der Blutgefäße vor, sondern das Gegenteil: Die Gefäße verengen sich. Gerade Menschen, die ohnehin unter Allergien leiden oder bei denen eine Neurodermitis vorliegt, können diese Form der Dermographismus-Krankheit bekommen. Die Variante wird zu den atopischen Stigmata gezählt, welche in der Dermatologie als Anzeichen für die Präposition zu Allergien dienen.
  3. Urtikarieller Dermographismus:
    Der sogenannte Leistendermographismus zeigt sich ebenfalls bei mechanischen Reizen, die auf die Haut einwirken. Es bilden sich Quaddeln an der gereizten Stelle, das sind Erhebungen der Haut, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Die Haut ist um die Quaddel herum mehr oder weniger stark gerötet. Die Quaddeln bilden sich nur am Ort der Reizung, dehnen sich auch nicht weiter aus. Vor allem Menschen, die unter Nesselsucht leiden, können diese Krankheitsform bekommen, jedoch können auch gesunde Menschen einen urtikariellen Dermographismus entwickeln.
  4. Dermographismusniger:
    Neben den drei Standard-Arten gibt es den schwarzen Dermographismus, der sich allerdings nicht durch Strichbildung auf der Haut aufgrund einer mechanischen Reizung zeigt, sondern durch Schmuckstücke. Hier bilden sich auf der Haut dunkle Stellen: Das sind Metallteilchen, die sich auf der Haut ablagern und die keine weitere Reizung hervorrufen. Hautprobleme gibt es dadurch nicht, es handelt sich eher um ein optisches Problem. Daher wird diese Form oft auch nicht in der Dermatologie geführt, sondern sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Die meisten Dermatologen klammern die vierte Variante aus, weil es sich nicht um ein körperliches Phänomen handelt, sondern lediglich um Ablagerungen auf der Haut. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Menschen verschieden auf ähnliche Einwirkungen reagieren: Während der eine nicht auf einen Ring reagiert, zeigen sich bei einem anderen Menschen binnen kürzester Zeit schwarze Stellen, die von dem Schmuckstück stammen.

Wer beispielsweise kein Aspirin oder Penicillin verträgt oder wer allergisch auf Sulfonamide, Lidocain und Codein reagiert, ist prädestiniert für Dermographismus-Schübe.

Wer beispielsweise kein Aspirin oder Penicillin verträgt oder wer allergisch auf Sulfonamide, Lidocain und Codein reagiert, ist prädestiniert für Dermographismus-Schübe. (#02)

Auslöser der Krankheit: Ursache unbekannt

Bis heute wissen die Dermatologen nicht genau, wo die Auslöser für einen Dermographismus liegen. Die Betroffenen sind arg geplagt, leiden unter der Quaddelbildung und dem Juckreiz. Dabei ist nicht nur der mechanische Reiz des Kratzens einer der Auslöser für die Symptome, auch Temperaturunterschiede oder Veränderungen der Lichtverhältnisse können im Extremfall zu Schüben führen. Meist liegt es aber an zu enger Kleidung, die bei entsprechender Veranlagung zur Ausbildung der Symptome führt. Menschen mit Vorerkrankungen wie Schuppenflechte oder Neurodermitis sind besonders geplagt und reagieren noch deutlich schneller auf die verschiedenen Reize.

Die Dermatologie weiß jedoch auch, dass zum Beispiel Unverträglichkeiten auf bestimmte Arzneimittel und Medikamente als Ursache für die Hautprobleme infrage kommen. Wer beispielsweise kein Aspirin oder Penicillin verträgt oder wer allergisch auf Sulfonamide, Lidocain und Codein reagiert, ist prädestiniert für Dermographismus-Schübe. Auch Parasitosen stehen im Verdacht, die Erkrankung zu begünstigen. Wirklich nachweisen konnte dies bislang aber noch niemand.

Wer bei sich verschiedene Arten des Dermographismus beobachtet, kann aber davon ausgehen, dass in den meisten Fällen die gleichen Auslöser für die Symptome vorhanden sind. Experten sprechen hierbei von einer Vergesellschaftung der verschiedenen Krankheitsformen,die auf eine gemeinsame Ursache blicken.

Ebenfalls unbekannt ist bislang, wie genau die Haut auf den Reiz von außen reagiert. Es wirken sogenannte Scherkräfte auf die Haut, wenn der Arzt einen Holzspatel oder der Patient seinen Fingernagel über die Haut führt. Die Hautmastzellen geben Histamine frei, die für die Auslösung der Allergiesymptome verantwortlich sind. Eine mögliche Erklärung finden die Ärzte darin, dass bei der mechanischen Reizung auch die Nerven in der Haut stimuliert werden. Dabei werden Botenstoffe ausgeschüttet, welche als Neuropeptide bekannt sind und die die Mastzellen stimulieren könnten.

Unter dem Mikroskop ist sogar zu sehen, wie die Haut stärker durchblutet wird und wie sich die Gefäße erweitern. Binnen weniger Minuten bildet sich eine Wassereinlagerung an der gereizten Stelle, die bekannte Quaddel bildet sich. Der Arzt spricht hier auch von einem Ödem. Kurz danach zeigt sich, dass weiße Blutkörperchen ihren angestammten Platz verlassen und in die Hautgefäße an der Oberfläche eindringen. Dies ist mit einem Entzündungsgeschehen vergleichbar bzw. zeigt sich eben dieser Vorgang auch im frühen Stadium einer Entzündung.

Der Arzt verwendet für seine Untersuchungen ein Dermographometer (ein stiftähnliches Untersuchungsinstrument) oder einen Holzspatel.

Der Arzt verwendet für seine Untersuchungen ein Dermographometer (ein stiftähnliches Untersuchungsinstrument) oder einen Holzspatel. (#03)

Dermographismus erkennen: Provokationstest beim Arzt

Der Arzt verwendet für seine Untersuchungen ein Dermographometer (ein stiftähnliches Untersuchungsinstrument) oder einen Holzspatel. Damit reibt er über die Haut am Arm oder am Rücken, wobei der Unterarm bevorzugt wird. Hier ist die Haut sehr empfindlich und die Reaktion auf die Reizung zeigt sich direkt. Normalerweise tritt dann nur eine Rötung der Haut auf, zeigen sich aber die für Dermographismus üblichen Zeichen mit Quaddelbildung und Juckreiz, wird eine Urticaria factitia diagnostiziert.

Der Arzt erkennt aber mit diesem Test nicht nur, ob eine Erkrankung vorliegt, sondern auch, wie hoch die Reizschwelle ist, ab der sich eine Quaddel zeigt. Es wird darauf geachtet, was, wann und wie schnell geschieht. Meist dauert es zwischen einer und fünf Minuten, bis sich die ersten Symptome zeigen, welche dann für rund eine halbe Stunde anhalten.

Spät oder Intermediärtypen: Die Beschwerden treten mit einer zeitlichen Verzögerung auf. Dafür bleiben sie umso länger und sind oft erst nach zwei Tagen verschwunden.

Behandlung des Dermographismus: Vermeiden der Auslöser als Therapie?

Die genauen Ursachen des Dermographismus sind nicht bekannt, daher sind auch die Therapiemöglichkeiten stark eingeschränkt. Der wichtigste Rat ist es, die auslösenden Reize zu meiden. Das heißt, wenn eng anliegende Kleidung die Ursache ist, so sollte diese nicht getragen werden. Liegt der Verdacht auf bestimmten Wirkstoffen oder Medikamenten, sollte der Patient bestenfalls auf diese verzichten.

Während die Schuppenflechte und andere Hautprobleme gut und oft auch schnell auf verschiedene Cremes reagieren, ist das beim Dermographismus nicht der Fall. Hier werden daher in erster Linie Antihistaminika eingesetzt, die aus der Behandlung von Allergien bekannt sind und die die Ausschüttung der auslösenden Histamine stoppen sollen.

Es gibt inzwischen Therapieversuche mit Medikamenten, die die Immunabwehr herabsenken, allerdings liegen hier noch keine belastbaren Ergebnisse vor. Gleichzeitig lässt sich im Einzelfall kaum voraussagen, ob die vorliegende Form des Dermographismus auf die Therapie reagieren wird oder nicht.

Häufig wird auf Juckreiz stillende Cremes gesetzt, die vor allem nachts angewendet werden. Sie sollen die Symptome der Hauterkrankung lindern und den natürlichen Schlaf ermöglichen. Denn gerade dieser fehlt den Patienten oft, wenn sie nachts Schübe bekommen. Solche können bei sehr empfindlichen Menschen schon allein durch die Reibung ausgelöst werden, die das Bettzeug auf der Haut verursacht. Tagsüber fühlen sich diese Menschen schlapp und übernächtigt. Dass viele Antihistaminika ebenfalls müde machen, trägt nicht unbedingt zum Wohlfühlen bei.

Eine verlässliche Therapie gibt es demnach bisher nicht, im Einzelfall muss der Arzt darüber entscheiden, welche Behandlungsmöglichkeit die beste ist und gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit dem Patienten neue Wege der Therapie gehen bzw. diese immer wieder anpassen.

Verständlicherweise hoffen die meisten Betroffenen auf eine Heilung, auch wenn diese bisher noch unwahrscheinlich ist.

Verständlicherweise hoffen die meisten Betroffenen auf eine Heilung, auch wenn diese bisher noch unwahrscheinlich ist. (#04)

Heilung in Sicht?

Verständlicherweise hoffen die meisten Betroffenen auf eine Heilung, auch wenn diese bisher noch unwahrscheinlich ist. Doch es gibt teilweise eine spontane Heilung, bei der sich nach ca. zwei bis fünf Jahren eine Besserung bis zum Verschwinden der Symptome einstellt. Ob die bisherigen Behandlungen dazu beigetragen haben oder ob die spontane Heilung gänzlich aus eigener Körperkraft geschah, weiß danach niemand mehr.

Fakt ist aber, dass es derartige Verläufe gibt und dass die vorher von der Urticaria factitia betroffenen Menschen danach ohne Quaddelbildung und Juckreiz durchs Leben gehen. Eine Behandlung ist auch im Folgenden nicht mehr nötig, denn die Symptome bleiben selbst bei stärkerer Reizung oder unter Stress aus. Insofern ist davon auszugehen, dass die Zahl der Betroffenen in Deutschland noch höher liegt als nur fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, wenn dort nämlich die Menschen nicht mit eingeschlossen sind, die bereits eine spontane Heilung erlebt haben.

Wichtig ist aber, dass eine derartige Heilung auftreten kann, nicht muss. Sie kann sich im Einzelfall schneller zeigen oder später auftreten, denn bei den genannten zwei bis fünf Jahren handelt es sich lediglich um statistische Werte, die sich durch höhere und niedrigere Einzelwerte ergeben.

Dermographismus zusammengefasst:

  • Menschen zwischen 20 und 30 Jahren am häufigsten betroffen
  • verschiedene Arten der Hauterkrankung
  • Auslöser meist enge Kleidung und andere mechanische Reize
  • auch Kälte oder Licht als auslösende Reize bekannt
  • Quaddelbildung und Juckreiz
  • keine Therapiemöglichkeit
  • Behandlung durch Linderung der Symptome
  • spontane Heilung möglich

Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: _Anetlanda -#01:  namtipStudio-#02: MR.PAPASR MAKEE -#03: TippyTortue-#04: _chairoij

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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